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Gedenkveranstaltung am 26. September 2025 in Burladingen: Der Holocaust auf der Schwäbischen Alb. Sinti erinnern sich

Last updated: 26 Jan. 2026

Gedenkveranstaltung in Burladingen – Impression

Pro Sinti und Roma e.V. lud zusammen mit der Familie Reinhardt am 26.09.2025 zur Gedenkveranstaltung „Der Holocaust auf der Schwäbischen Alb. Sinti erinnern sich“ in Burladingen ein. Im Rahmen der Veranstaltung wurde an Lolo Reinhardt, den verfolgten württembergischen Sinti-Familien und an alle Sinti*zze und Rom*nja, die unter den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurden, gedacht. Die Opferzahlen in Europa werden zwischen 500.000 und 1,5 Millionen geschätzt.

In einem Grußwort appellierte Bürgermeister Davide Licht (parteilos) deutlich, wie wichtig das Gedenken an die Opfer des Holocaust ist – insbesondere um mit Blick auf die Vergangenheit für Menschenrechte und Demokratie einzustehen.

Gedenkveranstaltung – Publikum und Atmosphäre

Gedenkveranstaltung – Moment der Erinnerung

Franz-Elias Schneck, Kulturwissenschaftler und Mitarbeiter von Pro Sinti und Roma e.V., hielt ein Vortrag, in dem er auf die Verfolgung der württembergischen Sinti auf der Schwäbischen Alb einging und dabei eigene Erinnerung seiner Familie aus Deilingen-Delkhofen im Landkreis Tuttlingen schilderte. In den späten Konzentrationslagern der Schwäbischen Alb waren bis zu Kriegsende mehr als 2.000 Sinti und Roma interniert und viele ermordet worden. Beide Familien (Schneck, Reinhardt) waren zuvor in Renningen und verließen 1938 den Ort in Richtung Alb. Zum Stichtag wurden Familienmitglieder beider Familien aus Burladingen, Ravensburg, Magstadt und weiteren Orten deportiert.

Ebenso die Burladinger Sintizza Angela Reinhardt fand Erwähnung, da sie mit den Cousinen seines Vaters in Mulfingen eines von 40 Sinti-Kindern war, die von Eva Justin entmenschlicht und zu Forschungsobjekten gemacht wurden. Seinen Vortrag und die anschließende Fragerunde beendete er mit einem Violinspiel „trauriger Sonntag“ von László Jávor.

Christine Reinhardt, Tochter von Lolo (Friedrich) Reinhardt 1932 – 1994 †, erzählte in einem Bühnengespräch zusammen mit Natascha Hofmann (stellv. Vereinsvorsitzende), als Sintizza der 2. Generation über ihre Erinnerungen an den Holocaust, welche sie von ihrem Vater erzählt bekommen hat. Die Erinnerungen von Lolo Reinhardt sind auch im Bleicher Verlag erschienen Buch „Überwintern“ aus dem Jahr 1999 als Zeugnis von Überlebenden für die Nachwelt erhalten.

So war die Ziegelhütte in Burladingen-Hermannsdorf für Lolo Reinhardt, Sinti und Tübinger Studierende ein Ort der Gemeinschaft, an dem verschiedene Menschen zusammenkamen. Eindrücklich und mit bewegenden Worten beschrieb Christine Reinhardt, dass nach dem Tod von ihrem Vater Lolo Reinhardt – ein Mensch, der von der Familie und von Mitbürgern in Burladingen sehr geschätzt war – auch der schmerzhafte Verlust der Ziegelhütte als Lebensort folgte und somit ein wichtiger Mittelpunkt mehrerer Sinti-Familien auf der Schwäbischen Alb verloren ging. Christine Reinhardt schilderte ebenso von Rassismuserfahrungen in ihrer Jugend oder ihrer Kinder. Erfahrungen, die auch andere Sinti und Roma nach 1945 teilen.

Mamsa Reinhardt, Tochter von Christine Reinhardt spielte am Ende der Veranstaltung drei Lieder nach spanischer Sinti-Tradition – eine Hommage an ihren Großvater – und wurde dabei von Claudio Sperling mit dem Akkordeon begleitet.

Die Veranstaltung wurde von 50 Personen aus Burladingen und Umgebung besucht. Neben zahlreichen Sinti-Familien und Interessierten war auch die Kommunalpolitik vertreten, wie z.B. Frau Katja Weiger-Schick (Kreisvorsitzende/ SPD - Zollernalb), Annette Thriemer (Vorsitzende vom OV-Bündnis 90/ Die Grünen) und Dörte Conradi (CDU, Gemeinderat Burladingen).

Die Gedenkveranstaltung war die erste seit 2012 und es zeigte sich wie wichtig, den Angehörigen und großen Teilen der Stadt, diese Veranstaltung war, um die Perspektive der betroffenen wahrzunehmen und zu ehren. Im Zuge dessen hatte Savlatore Bertolino (Vorsitzender der ver.di-Gewerkschaft-Ortverein Zollernalb) in Einstimmung mit der anwesenden Familie für eine Errichtung zur Erinnerung an die Ziegelhütte plädiert.

Nachtrag

Die Gedenkveranstaltung hat Wirkung gezeigt, wie wir im Nachgang erfahren haben. Besonders freut es uns, dass die Veranstaltung und die darauffolgende Berichterstattung zu persönlichen Gesprächen geführt haben, in denen Wertschätzung, Anerkennung und auch Entschuldigungen ihren Platz gefunden haben. Darüberhinaus haben Familien aus der Region Kränze zum Gedenken an die Verstorbenen auf die Gräber gelegt – ein Zeichen von großer Bedeutung und tiefgreifender Wirkung für die Nachfahren der Familien.